Über Legasthenie herrschen viele Vorurteile und Halbwahrheiten.
Tatsache ist, dass dieses Phänomen sehr intensiv mit der
Persönlichkeit des jeweils Betroffenen zusammenhängt.
Legastheniker(innen) sind nicht bloß Unfähige. Es gibt
viele bekannte und berühmte
Persönlichkeiten, die legasthen waren oder sind,
- sogar Genies!
Vielleicht ist also Legasthenie nicht nur etwas Negatives.
Ronald Davis, der sich selbst mit dem Problem herumschlagen musste,
gelangte jedenfalls zu dieser Anschauung.
Normalerweise
wird Legasthenie als ein Nachteil,
meist
leider sogar als eine Art Behinderung
angesehen.
Doch offensichtlich verfügen
legasthene Menschen auch über gewisse Fähigkeiten und
Begabungen, die ihnen in manchen Bereichen von Vorteil sein
können. Und damit erreichen sie gelegentlich sogar die
Genialität!
Folgende Fähigkeiten sind dabei besonders interessant:
- Denken in Bildern
statt in Worten
-
Vielschichtige, doch kaum klar fassbare Orientiertheit
- Unbegrenzte Fantasie
Was ist nun mit diesen Begriffen gemeint?
BLITZDENKER
Die meisten Menschen denken in Worten. Ihre
Gedankenfolgen laufen linear in Wörtern und Sätzen
ab. Legastheniker(innen) denken in
Bildern. Dieses nonverbale Denken spielt sich wesentlich rascher
ab, vermutlich bis zu tausendmal schneller. Aber es bleibt oftmals auch
unterhalb der wachen Bewusstseinsschwelle, sozusagen fast ein wenig träumend.
Es weiß sich außerdem nicht in einem
eindeutigen Zeitablauf. Daher lassen sich dabei unzählige Gedanken
gleichzeitig erleben, allerdings auch nur schwer konkret
erfassen.
MULTI-ORIENTIERTE
Ronald D. Davis, selbst ein Legastheniker, hat den Begriff der
"Desorientierung"
geprägt. Für unsere Orientierung ermitteln wir mit
unseren Sinnesorganen unseren Standpunkt
in Bezug auf unsere Umgebung. Ein legasthener Mensch hat aber eine
äußerst vielschichtige
Art des Wahrnehmens. Sehr oft verändert auch sein
Bewusstsein die Wahrnehmungsinhalte - Realität und eigene
Gestaltungsprozesse vermischen sich, durchdringen einander. Ein
Legasthener kämpft also mit dem Problem, dass er die Wahrnehmungsinhalte verwandelt
und umgestaltet.
FANTASIE-GENIES
Für einen "Wort-Denker" mit klarem Standpunkt gehört die Fantasie oftmals bloß in den Bereich des Spielens, in den er sich zu gewissen Zeiten gerne begibt, um sich zu unterhalten. Der Legasthene lebt die Fantasie. Es gibt für ihn nicht den Unterschied zwischen Realität und Fantasie, die Fantasie ist Realität, seine inneren Bilder sind Realität, seine Gedanken sind Realität - und mit seinem Denken (er)schafft er auch Wirklichkeit. Es ist daher alles möglich. Diese Welt hat keinen Anfang und kein Ende. Das ist der weite Raum der Unendlichkeit, aus dem alle Ideen stammen.

Leonardo da Vinci
(1452-1519) gehört zu den kreativsten
Persönlichkeiten der beginnenden Neuzeit. Die meisten Menschen
wissen nur, dass er hervorragend zeichnen und malen konnte. Doch seine
Talente waren vielfältig: Er betätigte sich als Naturforscher,
Physiker, Musiker, Architekt und Erfinder. Zahlreiche Entwürfe
sind von ihm überliefert, u. a. für Instrumente,
Geräte und Maschinen.
Auf der nebenstehenden Abbildung ist seine Skizze für einen
ersten Helikopter
zu sehen. Typisch für Leonardo war seine Art, in Spiegelschrift zu
schreiben. In Bildern und bildhaften Gedanken fühlte er sich
zu Hause - das Schreiben aber blieb für ihn stets eine eher
fremde und mühselige Tätigkeit.
Natürlich ist nicht jede(r) Legastheniker(in) auch gleichzeitig ein Genie wie Leonardo. Aber die etwas andere Art, wahrzunehmen und zu denken, - übrigens bei jedem legasthenen Menschen auch ganz individuell anders - hat nicht nur ihre Schattenseiten!
Wer weiß, vielleicht liegt darin sogar die neue zukünftige Form des Wahrnehmens und Denkens der gesamten Menschheit. Schließlich können wir schon seit einigen Jahrzehnten eine geradezu unglaubliche Sucht nach Bildern in unserer Zivilisation beobachten. Es scheint fast so, als würde die "Bildsprache" sehr bald die "Wortsprache" ablösen.
Auf
jeden Fall wird für die
Zukunft der Zivilisation gewiss ein großes Maß an
Flexibilität, Kreativität und Fantasie nötig
sein.
- Eine Chance
für Legastheniker(innen)?
©2012 by Manfred P. Bauer (Diplom. Legasthenie- und Dyskalkulietrainer des EÖDL)